Der Charme der Ordnungswut

Der Erfolg in Baden-Württemberg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grünen ihre Politik nicht geändert haben – sie haben nur gelernt, sie besser zu verkaufen.

Der Charme der Ordnungswut
Ein charismatisches Gesicht für dieselbe Politik.

Warum der grüne Wahlerfolg in Baden-Württemberg Liberale nicht beruhigen, sondern alarmieren sollte

Berlin, 25. März 2026

Cem Özdemir hat es geschafft. Mit schwäbischem Charme und einer Prise anatolischer Bodenständigkeit hat der Grüne die Landtagswahl im Südwesten knapp gewonnen – nicht weil die Wähler plötzlich für das Verbot von Verbrennern oder die nächste Heizungspflicht entflammt wären, sondern weil eine starke Persönlichkeit die ideologische Fracht der Partei elegant überspielt hat. Die Grünen atmen auf. Und in ihren Reihen macht schon der nächste Name die Runde: Ricarda Lang. Die ehemalige Bundesvorsitzende, die sich seit ihrem Rückzug aus der ersten Reihe „befreit“ gibt, soll nun das bundesweite Zugpferd werden. Ein charismatisches Gesicht für dieselbe Politik.

Wer jedoch aus liberaler Überzeugung denkt – aus der Tradition von Kant, Humboldt und der Aufklärung, die Freiheit des Einzelnen über kollektive Zwänge stellt –, der sieht in diesem Erfolg kein Grund zum Aufatmen. Sondern einen Grund zur Sorge. Denn der grüne Erfolg beruht nicht auf einer Kurskorrektur, sondern auf einer geschickten Personalisierung. Hinter Özdemirs Lächeln und Langs frischem Witz lauert dieselbe Ordnungswut, die den liberalen Rechtsstaat und die offene Gesellschaft bedroht: eine Mischung aus bürokratischer Bevormundung im Alltag und einer naiven, unkontrollierten Migrationspolitik, die kulturelle Kohäsion und innere Sicherheit untergräbt.

Die „Ordnungswut“ der Grünen ist kein Zufall, sie ist Programm. Seit Jahren treibt die Partei eine Regulierungslust voran, die selbst den preußischen Kameralisten vor Neid erblassen ließe. Das Heizungsgesetz, das Verbrenner-Aus, die endlosen Vorschriften für Landwirte, Handwerker und Autofahrer – all das ist nicht Klimaschutz, sondern Staatsdirigismus im grünen Gewand. Liberales Denken lehnt diese Haltung ab, weil sie das Individuum zum Untertanen einer ideologischen Planwirtschaft degradiert. Wo früher der Bürger entschied, wie er heizt, fährt oder investiert, entscheidet heute eine Berliner Behörde. Der Erfolg in Baden-Württemberg zeigt: Mit einem populären Spitzenkandidaten lässt sich diese Freiheitsbeschränkung vorübergehend kaschieren. Doch der Preis bleibt derselbe: weniger Innovation, weniger Wohlstand, mehr Staat.

Noch bedenklicher ist die zweite Säule grüner Politik, die Özdemir und Lang geschickt in den Hintergrund rücken: die unkontrollierte Migration und die damit einhergehende schleichende Islamisierung. Die Grünen klagen noch immer gegen die Einstufung sicherer Herkunftsländer vor dem Verfassungsgericht – als gäbe es kein Grundrecht auf sichere Grenzen und ein funktionierendes Asylrecht, das Missbrauch verhindert. Während in manchen Vierteln Parallelgesellschaften entstehen, in denen Scharia-Vorstellungen stärker wirken als das Grundgesetz, predigen die Grünen weiter Multikulti als moralische Pflicht. Liberales Denken erkennt hier die Gefahr: Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Werte – Aufklärung, Gleichberechtigung, Säkularität – nicht selbstbewusst verteidigt, verliert sie. Offene Grenzen ohne Integrationsforderung sind nicht human, sondern fahrlässig. Sie belasten den Sozialstaat, gefährden die innere Sicherheit und zerreißen das Vertrauen, das eine freiheitliche Demokratie braucht.

Ricarda Lang als „nächster Özdemir“? Sie mag witzig sein, pragmatisch wirken und innerparteilich Kritik wagen. Doch ihre politische DNA bleibt dieselbe: linke Flügelvergangenheit, Realo-Rhetorik, aber keine echte Abkehr von der grünen Kernagenda. Wer Liberale mit Charme einlullen will, um dann weiter Verbote zu erlassen und Grenzen zu öffnen, der betreibt keine Erneuerung – der betreibt Marketing.

Die Vossische Zeitung hat immer für ein liberales Deutschland gestanden: frei von obrigkeitsstaatlicher Bevormundung, offen für Leistung und Vielfalt, aber geschlossen gegen jede Form von Kollektivismus, sei er rot, braun oder grün. Der Erfolg in Baden-Württemberg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grünen ihre Politik nicht geändert haben – sie haben nur gelernt, sie besser zu verkaufen. Liberale Wähler und Denker sollten sich nicht blenden lassen. Die Freiheit des Einzelnen, die Sicherheit des Gemeinwesens und die Bewahrung unserer kulturellen Grundlagen sind kein Verhandlungsmasse für charismatische Auftritte. Sie sind das Fundament, auf dem dieses Land steht. Wer es bewahren will, muss die grüne Ordnungswut und ihre migrationspolitische Naivität beim Namen nennen – auch wenn sie noch so sympathisch verpackt daherkommt.