Der Eigensinn als letzte Bastion: Zum Abschied von Alexander Kluge

Mit Alexander Kluge verliert die Republik einen ihrer letzten großen Universalgelehrten. Er wird fehlen – nicht als Mahner, sondern als Anstifter zum eigenen Denken.

Der Eigensinn als letzte Bastion: Zum Abschied von Alexander Kluge
Kluge war klug genug, die Dogmen der Ideologie durch die „soziologische Neugier“ zu ersetzen.

Wenn wir heute den Tod von Alexander Kluge vermelden, so tun wir dies in der pflichtbewussten Distanz, die einer Zeitung wie der Vossischen geziemt, und doch mit der tiefen Hochachtung vor einem Geist, der das 20. Jahrhundert nicht nur durchmessen, sondern in seine Einzelteile zerlegt und neu montiert hat.

Kluge, der im gesegneten Alter von 94 Jahren von der Bühne der Gegenwart abgetreten ist, war zeitlebens ein Archivar des Unabgegoltenen. Er war kein Mann der lauten Parolen, obschon sein Herz unverkennbar links schlug – verwurzelt in jener Frankfurter Schule, die das Denken als unaufhörliche Arbeit an der Aufklärung begriff. Doch Kluge war klug genug, die Dogmen der Ideologie durch die „soziologische Neugier“ zu ersetzen.

Das Prinzip der Gegenöffentlichkeit

Für die Vossische Zeitung ist Kluges Wirken von besonderem Interesse. Er verstand es wie kaum ein Zweiter, die „Gegenöffentlichkeit“ zu organisieren. In einer Zeit, in der die medialen Ströme zur bloßen Ware zu verkommen drohten, schuf er sich Nischen – oft im Schatten der großen Sendeanstalten –, um das Dokumentarische mit dem Fiktionalen zu vermählen. Er war ein Chronist der Gefühle, der wusste, dass die großen historischen Katastrophen oft in den kleinsten Regungen des menschlichen Alltags ihren Ursprung finden.

Die Distanz des Beobachters

Wir würdigen ihn heute distanziert, weil Kluge selbst die Distanz liebte. Sein Werk – ob im Film oder in der Literatur – war nie auf Überwältigung aus, sondern auf die Aktivierung des Betrachters. Er traute seinem Publikum jenen „Eigensinn“ zu, den er selbst im Übermaß besaß. Er war der große Konstrukteur von Lernprozessen, die niemals abgeschlossen waren.

In der Tradition der großen Feuilletons des frühen 20. Jahrhunderts stand er für eine Intellektualität, die sich nicht im Elfenbeinturm einschließt, sondern die Trümmer der Geschichte nach verwertbaren Bausteinen für die Zukunft absucht. Sein politisches Erbe ist kein fertiges Programm, sondern eine Methode: das unermüdliche Fragen, das Misstrauen gegenüber der allzu glatten Wahrheit und die unerschütterliche Hoffnung auf die Lernfähigkeit des Menschen.

Mit Alexander Kluge verliert die Republik einen ihrer letzten großen Universalgelehrten. Er wird fehlen – nicht als Mahner, sondern als Anstifter zum eigenen Denken.