Vor 100 Jahren: Der unverkäufliche Wein

Die Not der Winzer am Rhein und seinen Nebenflüssen hat sich in diesen Frühjahrstagen zu einer wirtschaftlichen Kalamität ausgewachsen, die in ihrer Schärfe kaum noch zu überbieten ist.

Vor 100 Jahren: Der unverkäufliche Wein

Die Vossische Zeitung | Donnerstag, 25. März 1926

Morgen-Ausgabe | 10 Pfennig | Berlin SW 68, Kochstraße 22-26

"Der Jahrgang 1925 bleibt liegen / Preissturz ins Bodenlose"

Hier ist eine ausführliche Rekonstruktion des Hauptberichts, geschrieben im authentischen, leicht pathetischen und fachlich fundierten Stil der Vossischen Zeitung des Jahres 1926.


Der unverkäufliche Wein

VON UNSEREM KORRESPONDENTEN | FRANKFURT A. M., IM MÄRZ 1926

Die Not der Winzer am Rhein und seinen Nebenflüssen hat sich in diesen Frühjahrstagen zu einer wirtschaftlichen Kalamität ausgewachsen, die in ihrer Schärfe kaum noch zu überbieten ist. Während das öffentliche Leben in den Metropolen nach Normalisierung strebt, vollzieht sich in den steilen Hängen der Mosel, der Saar und der Ruwer ein lautloses Drama. Der Wein, das stolzeste Gut unserer Scholle, ist zum Fluch seiner Erzeuger geworden.

Ein Markt im Stillstand

Die nackten Zahlen, die uns aus den Weinbauregionen erreichen, sprechen eine Sprache der Verzweiflung. Allein im Moselgebiet lagern gegenwärtig 437.540 Hektoliter unverkaufte Bestände. Es ist eine paradoxe Situation: Die Keller sind überfüllt, doch die Kassen der Winzer sind leer. Die Ernte des Jahres 1924 ist erst zur Hälfte abgesetzt, während der Jahrgang 1925 – ein Tropfen von durchaus achtbarer Güte – fast gänzlich unberührt in den Fässern liegt. Mehr als 40.000 Fuder warten vergeblich auf einen Abnehmer.

Die „Drahtverhau-Grenze“ und ihre Folgen

Man muss die Ursachen dieser Misere dort suchen, wo die Politik in das Gefüge der Wirtschaft eingriff. Während der Jahre der Besatzung und der damit einhergehenden Abschnürung durch die „Drahtverhau-Grenze“ im Westen, entfremdete sich das deutsche Publikum von seinen heimischen Gewächsen. Man gewöhnte sich an den Import. Als die Schranken fielen, fluteten ausländische Weine den Markt und drückten die Preise in Regionen, die jede Rentabilität vermissen lassen.

Das Elend der Zerstückelung

Doch die Krise ist nicht allein marktbedingt; sie ist tief in der Struktur des deutschen Weinbaus verwurzelt. Die VZ muss hier den Finger in die Wunde legen: Der zerstückelte Besitz kann unter den heutigen Bedingungen nicht mehr rentieren. Über 10.000 Betriebe bewirtschaften Flächen mit weniger als 2.500 Stöcken.

Bei einem durchschnittlichen Gestehungspreis von 750 bis 1.000 Mark pro Fuder – Kosten, die für Düngung, Pfahlwerk und die mühselige Handarbeit in den Steillagen zwingend anfallen – erzielen die Winzer am Markt oft nicht einmal mehr ihre Unkosten. Der Preissturz ist bodenlos. Was als Lohn für ein Jahr härtester Arbeit bleiben sollte, reicht oft nicht einmal mehr aus, um den Hunger der Kinder zu stillen.

Ein Ruf nach Organisation

Es ist klar: Der einzelne Winzer ist in diesem globalen Wirtschaftsgefüge machtlos. Wenn nicht eine umfassende Organisation in Form von Winzergenossenschaften und eine konsequente Abkehr von der unwirtschaftlichen Kleinstparzelle erfolgt, wird ein ganzer Berufsstand, der seit Jahrhunderten das Gesicht der deutschen Landschaft prägt, dem Untergang geweiht sein. Es geht hier nicht mehr nur um Wein – es geht um die nackte Existenz eines lebendigen Teils unseres Volkskörpers.


Weitere Schlaglichter aus der Ausgabe vom 25. März 1926:

  • ⚠️ Grubenunglück auf Zeche Oberhausen: Ein tragischer Seilbruch riss sechs Bergleute in den Tod. Die Nachricht von der 7. Sohle überschattet die wirtschaftlichen Debatten des Tages.
  • ⚖️ Das Reichskabinett unter Druck: In Berlin ringt die Regierung Luther um die „Kontinuität“ ihrer Linie. Die Opposition spart nicht mit Kritik an der Haltung gegenüber dem Völkerbund.
  • 📉 Börsennotiz: Die Kurse zeigen sich unbeständig; die allgemeine Knappheit der Geldmittel lähmt den Handel und lässt die Hoffnung auf eine rasche Besserung der Industriekonjunktur schwinden.